Humanoide Roboter übernehmen bei Audi, was lange scheiterte

Humanoide Roboter übernehmen bei Audi, was lange scheiterte
Copyright:

Audi

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Rund eine Million Picks pro Tag stellen in der Audi-Logistik sicher, dass jedes Bauteil in der richtigen Reihenfolge am passenden Montageplatz ankommt. Genau dieser Sequenzierungsprozess gilt seit Jahrzehnten als Bereich, den klassische Automatisierung bislang kaum bewältigt. Nun sollen mobile humanoide Roboter diese Aufgabe im Werk Ingolstadt übernehmen. Einen entsprechenden Proof-of-Concept haben Agile Robots, Audi, Dassault Systèmes und Nvidia auf der Nvidia GTC Berlin vorgestellt.

Im Production Lab, wo der Automobilhersteller künftige Technologien für Fertigung und Logistik testet, greifen die Roboter Teile aus Materialbehältern und legen sie in Sequenzwagen ab. Von dort gelangen die Komponenten in der korrekten Abfolge zur Endmontage der Premiummodelle. Die Supply-Chain-Fachleute von Audi bringen ihr Wissen zur Sequenzierung ein und legen die operativen Anforderungen fest, damit der Anwendungsfall unter realen Bedingungen geprüft werden kann.

Hintergrund sind zwei Probleme, die die Automatisierung lange begleitet haben. Zum einen sind da Teile mit vielen Varianten und Formen sowie sogenannte biegeschlaffe Komponenten, zum anderen das zuverlässige Greifen unsortierter Bauteile aus Behältern. Die mobilen Humanoiden von Agile Robots wurden gezielt für diese Aufgaben entwickelt. Mit beidhändiger Manipulation handhaben sie auch große und flexible Teile, während eine KI-gestützte Wahrnehmung unterschiedlichste Komponenten erkennt und greift, selbst wenn diese in wechselnden Behältern, Positionen oder Verpackungen bereitliegen.

Gerd Walker, Vorstand für Produktion und Logistik bei Audi, ordnet das Vorhaben klar ein: “Beim Pickprozess in der Sequenzierung stoßen klassische Automatisierungslösungen seit Jahrzehnten an ihre Grenzen.” Gemeinsam mit den Partnern werde erprobt, wie KI-gestützte Robotik hier neue Möglichkeiten eröffnen und die Produktivität in den Audi-Werken steigern könne. Entscheidend für die Zukunft der Produktion sei, wie erfolgreich industrielle Expertise mit künstlicher Intelligenz verbunden werde.

Bevor der erste Roboter greift, testet der Zwilling

Die Erprobung hat bereits begonnen, allerdings zunächst digital. Bevor die Roboter in der Smart-Intralogistics-Umgebung von Audi zum Einsatz kommen, entsteht mit der Anwendung Delmia von Dassault Systèmes ein virtueller Zwilling der Logistikumgebung. Auf der 3DExperience-Plattform werden darin Machbarkeit, Durchlaufzeiten, Ergonomie und Sicherheit des Robotereinsatzes geprüft. Genutzt werden dabei die Industry World Models des Unternehmens sowie Bibliotheken aus Nvidia Omniverse.

Künftig soll zudem Leo, der KI-basierte Virtual Companion des Softwarehauses, Ingenieur:innen bei der Planung unterstützen. Ziel ist es, Planungsprozesse von Monaten auf Tage zu verkürzen. Philippe Laufer, Executive Vice President 3DS Global Brands bei Dassault Systèmes, sieht darin den eigentlichen Fortschritt: Es gehe nicht allein darum, humanoide Roboter schnell in die Fabrik zu bringen, sondern “ihren späteren Einsatz bereits im Vorfeld virtuell abbilden und validieren zu können”. Das könne die Inbetriebnahme in den Werken deutlich beschleunigen.

Auch Nvidia hebt den Vorteil des Ansatzes für laufende Prozesse hervor. Deepu Talla, Vizepräsident für Robotik und Edge-KI, verweist darauf, dass Audi und Agile Robots mit Delmia und den Physical-AI-Bibliotheken von Omniverse mobile Humanoide für die Teilesequenzierung simulieren und validieren. Damit werde ein besonders anspruchsvoller Bereich der Automobillogistik adressiert, “ohne bestehende Abläufe grundlegend verändern zu müssen”.

Wie Humanoide in die laufende Fabrik passen

Agile Robots mit Sitz in München hat nach eigenen Angaben weltweit bereits mehr als 20.000 Robotiklösungen bei Kund:innen im Einsatz. Die neu entwickelten mobilen Humanoiden kombinieren Reichweite und Fingerfertigkeit eines humanoiden Roboters mit einer robusten mobilen Basis. Sie arbeiten auf menschlicher Höhe und lassen sich in die vorhandene Produktions- und Logistikumgebung von Audi einbinden. Gründer und CEO Dr. Zhaopeng Chen sieht darin den Kern von Physical AI: Die Humanoiden könnten hochwertige, kritische Aufgaben übernehmen, “die sich bislang nicht automatisieren ließen”.

Für Audi fügt sich das Projekt in die Vision einer hochautomatisierten Inhouse-Logistik innerhalb der sogenannten denkenden Fabrik ein, in der KI und Roboter gemeinsam mit den Mitarbeitenden arbeiten. Die Automatisierung komplexer, wiederkehrender Sequenzierungsaufgaben kann Beschäftigte von manuellen Tätigkeiten entlasten und die Effizienz erhöhen. Gleichzeitig entstehen Freiräume für andere wertschöpfende Tätigkeiten. Nach Darstellung der Partner soll der Ansatz zudem den Weg für einen Einsatz in der Großserienproduktion ebnen.

Quelle: Audi – Pressemitteilung

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Audi Elektroautos

Audi in China: 30 Prozent Minus, nun soll Huawei helfen

Audi in China: 30 Prozent Minus, nun soll Huawei helfen

Sebastian Henßler  —  

Audi verhandelt mit Huawei über eine Plattform für den A8 in China. Das kaum ausgelastete Werk in Changchun soll so ab Ende 2028 wieder Autos bauen.

Audi unter Kostendruck: Betriebsrat fordert Zusagen für Jobs

Audi unter Kostendruck: Betriebsrat fordert Zusagen für Jobs

Daniel Krenzer  —  

Audi ringt um Kosten, Beschäftigung und Standorte. Der Betriebsrat zeigt sich gesprächsbereit, fordert aber klare Zusagen.

Audi erhöht Druck: “Tradition allein sichert keine Zukunft”

Audi erhöht Druck: “Tradition allein sichert keine Zukunft”

Sebastian Henßler  —  

Audi zieht die Schlechtwetterklausel und will über den Abbau von 7500 Stellen hinausgehen. Betroffen sind neben der Produktion auch Verwaltung und Entwicklung.

Waffen statt Autos: Audi-Ingenieure arbeiten künftig für Rüstungsfirmen

Waffen statt Autos: Audi-Ingenieure arbeiten künftig für Rüstungsfirmen

Daniel Krenzer  —  

Audi ermöglicht Beschäftigten einen befristeten Wechsel zu Unternehmen wie Diehl, MBDA oder KNDS. Der Schritt zeigt den Wandel in der deutschen Industrie.

Neuer Rekord: Audi A6 e-tron fährt 1338 km mit einer Ladung

Neuer Rekord: Audi A6 e-tron fährt 1338 km mit einer Ladung

Arun Niemann  —  

Rallye-Europameister Miko Marczyk fährt im Audi A6 e-tron 1.38 Kilometer mit einer Akkuladung. Möglich machten es Aerodynamik und konsequentes Rekuperieren.

Audi unterbindet AUDI-Verkauf in Deutschland

Audi unterbindet AUDI-Verkauf in Deutschland

Daniel Krenzer  —  

Audi geht gegen Parallelimporte seiner China-Modelle E5 Sportback und E7X vor. Der Verkauf in Europa wurde gestoppt.